Welternährungstag: Zu wenig Erfolge bei den Ärmsten


16.10.2013
Noch immer ist Hunger eine der größten Geißeln der Menschheit. Wir brauchen eine globale Agrarwende, die sich am Leitbild einer standortangepassten, kleinbäuerlichen und nachhaltigen Landwirtschaft orientiert.

Die jüngsten Zahlen der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen klingen zunächst erfolgsversprechend: Die Zahl der unterernährten Menschen weltweit ist auf 842 Millionen gesunken. Das sind 26 Millionen weniger als bei der letzten Schätzung. Die Erfolge wurden vor allem in China und Vietnam erzielt. In den 45 ärmsten Ländern der Welt, die überwiegend in Sub-Sahara-Afrika liegen, stieg die Zahl der Hungernden dagegen um ein Viertel an, das sind 50 Millionen mehr. Hunger hat dabei vor allem ein weibliches Gesicht, 70 Prozent der Unter- und Mangelernährten sind Frauen und Mädchen. Der Schwerpunkt von Hungerbekämpfung und der Verwirklichung des Rechts auf Nahrung muss also insbesondere bei Frauen und Mädchen in den ärmsten Ländern liegen.

Die Berechnungsmethode der FAO ist zudem umstritten. Würde man zum Beispiel einen täglichen Kalorienbedarf zugrunde legen, der den oft von harter körperlicher Arbeit geprägten Alltag armer Bevölkerungsschichten in den Entwicklungsländern eher entspricht, würde die Zahl laut Berechnungen der Menschenrechts- und Entwicklungsorganisationen FIAN und Oxfam auf 1,3 Milliarden hochschnellen. Auch der Hunger durch kurzfristige Preisschocks oder ausgefallene Ernten wird kaum abgebildet, da nur Menschen erfasst werden, die über den Zeitraum eines ganzen Jahres hungern.

Der versteckte Hunger

Schließlich reicht satt sein allein nicht aus: Ein zunehmendes Problem ist der „versteckte Hunger“, also der Mangel an wichtigen Mikronährstoffen. Reis, Weizen und Mais, die für viele arme Menschen mehr als 80 Prozent der Ernährung ausmachen, füllen zwar den Magen, aber führen zu langfristigen Mangelerscheinungen, die oft über Generationen weitergegeben werden. Laut FAO-Bericht sind in afrikanischen Ländern 60 Prozent der Kinder in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung eingeschränkt. Auch der jüngst von der Welthungerhilfe vorgestellte Welthungerindex weist eindringlich auf diese Missstände hin. Global leiden mehr als zwei Milliarden Menschen an armutsbedingter Mangelernährung. Insbesondere die Kindersterblichkeit ist eng mit Mangelernährung verknüpft, denn das geschwächte Immunsystem der betroffenen Kinder reicht oftmals nicht mehr aus im Kampf gegen Infektionskrankheiten.

Mehr Europäer auf Lebensmittelspenden angewiesen

Der Hunger in den ärmsten Ländern der Welt ist nicht mit der Situation in Europa zu vergleichen. Allerdings gibt es auch bei uns eine starke Zunahme bedürftiger Menschen. Laut einer aktuellen Studie des Roten Kreuzes ist in den letzten drei Jahren die Zahl der Menschen, die Nahrungsmittel von den Hilfsorganisationen erhalten, in 22 Ländern Europas um 75 Prozent gestiegen. Ohne Suppenküchen und Lebensmittelspenden müssten Millionen von Europäern als Folge der Finanzkrise Hunger leiden. Insgesamt können sich nach Angaben der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) 43 Millionen Menschen in Europa nicht genug zu essen leisten. 120 Millionen sind laut IFRC-Studie zufolge armutsgefährdet.

Falsche Allianzen und Strategien gegen den Hunger

Es ist eine Schande, dass jeder vierte Erdenbürger nicht ausreichend zu essen hat, obwohl weltweit genügend Nahrungsmittel produziert werden. Es wäre genug für alle da, doch zu viel landet im Trog, im Tank und in der Tonne.

Die internationale Gemeinschaft hat noch immer keine überzeugende Antwort auf diese globale Herausforderung gefunden. Statt die Anstrengungen im Kampf gegen den Hunger zu forcieren, haben viele Industrienationen, auch Deutschland, in diesem und im letzten Jahr die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe sogar noch gekürzt. Und statt innerhalb des Systems der Vereinten Nationen gemeinsam mit den Entwicklungs- und Schwellenländern an einem Strang zu ziehen, beschreiten die G8-Staaten mit ihrer „Neuen Allianz für Ernährungssicherheit“ einen Sonderweg und bauen Parallelstrukturen auf. Im Schulterschluss mit Großkonzernen der Agro-Industrie wie Monsanto, Syngenta und BASF setzen sie vor allem auf Produktionssteigerung. Doch eine Strategie, die noch mehr Gensaatgut, Stickstoffdünger und chemische Spritzmittel propagiert, treibt Kleinbäuerinnen und -bauern in die Schuldenfalle und führt zu schweren Umweltschäden.

Welternährungspreis verkommt zur Farce

ForscherInnen von Monsanto und Syngenta wurden mit dem Welternährungspreis 2013 geehrt. Eine äußerst zweifelhafte Ehre, denn geehrt werden sollen besondere Leistungen im Kampf gegen den Hunger. Gen-Saatgut bringt dagegen doch vor allem große Profite für die Konzerne und nicht die Lösung der Welternährungsfrage. Die teure, pestizidintensive und oftmals patentierte Saatgut bringt vor allem Abhängigkeiten bei den (Klein)Bauern, nicht zuletzt in den Entwicklungsländern. Darüberhinaus befeuert das Saatgut von Monsanto vor allem die Konkurrenz zwischen Teller, Trog und Tank, denn es wird umfangreich auch für die Produktion von Agrotreibstoffe oder Viehfutter verwendet. Die Verleihung des Welternährungspreises verkommt also zur Farce. Zweifelhaft ist auch die Nominierung und Auswahl der Geehrten. Denn während einerseits das Auswahlkomitee besetzt war mit Größen aus der Nahrungsmittel- und Agroindustrie, wurde die Veranstaltung anderseits u.a. vonWalmart, PepsiCo und Syngenta Foundation gesponsert.

Globale Agrarwende als Lösung

Der Hunger in der Welt kann nur mit einer kohärenten Politikstrategie bekämpft werden, deren Herzstück eine globale Agrarwende sein muss. Vor allem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, KleinfischerInnen und ViehhirtInnen müssen darin unterstützt werden, auf ökologisch nachhaltige Weise gesunde Nahrungsmittel zu produzieren. Der Auf- und Ausbau von Wertschöpfungsketten und sozialen Sicherungssystemen in den vom Hunger betroffenen Ländern sowie wirkungsvolle Maßnahmen gegen den Klimawandel und die ausufernde Spekulation mit Nahrungsmitteln und Böden gehören auch dazu. In unserem Antrag Für eine kohärente Politikstrategie zur Überwindung des Hungers“ zeigen wir Grüne im Bundestag unsere Strategie zur Welternährung auf.