Der Papst, die Moral und Entwicklungspolitik


21.09.2011
MdB Uwe Kekeritz (Bündnis 90/Die Grünen) äußert sich anlässlich des Deutschlandbesuchs von Papst Benedikt XVI.

Der grüne Entwicklungspolitiker Uwe Kekeritz gehört zu jenen Bundestagsabgeordneten, die sich der Papstrede im Deutschen Bundestag verweigern. „Aus meinem entwicklungspolitischen Blickwinkel hat der Papst eine große Mitverantwortung am Elend von Millionen von Menschen“, gibt er zu Protokoll. „Im Vordergrund meiner Kritik steht eine nicht an den Realitäten  ausgerichtete päpstliche Sexualmoral, die die Jugend allein lässt und verhindert, dass offen über Sexualität, Verhütung und vor allem über Verantwortung gesprochen wird“. Der Papst habe einen großen Einfluss und müsse sich gerade deshalb seiner Verantwortung stellen, so der Vorsitzende des Unterausschusses für Gesundheit in Entwicklungsländern weiter.

„Die Politik des Papstes verhindert außerdem die Gleichstellung von Mädchen und Frauen, die nur dann eine gleichwertige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwirklichen können, wenn sie das Recht erhalten, über ihre Sexualität und deren Folgen selbst zu bestimmen“. Die päpstliche Lösung der `natürlichen´ Verhütung sei falsch und ignorant. Für Kekeritz schwächt die Sexualmoral des Papstes die katholische Kirche. Das sei zu bedauern, denn gerade im Entwicklungszusammenhang sind die Kirchen in den letzten Jahrzehnten zu wichtigen, zuverlässigen und fortschrittlichen Partnern in vielen Bereichen geworden.

Es ist falsch anzunehmen, dass das päpstliche Gebot der `natürlichen´ Verhütung nur ein moralischer Appell sei. Selbstbestimmte Geburtenkontrolle ist ein entscheidender `Wohlstandsfaktor´. Immer noch werden jährlich 75 Millionen Frauen ungewollt schwanger – das entspricht fast der Bevölkerungszahl Deutschlands. „Die katholische Kirche Brasiliens hat gezeigt, dass ein offenes Bekenntnis zur selbstbestimmten Sexualität eine wirksame Maßnahme zur demographischen Entwicklung ist. In Brasilien verteilen auch katholische Bischöfe und Pfarrer kostenlos Kondome und nutzen offensiv die Möglichkeit, junge Menschen in Gespräche über Sexualität einzubinden,“ zeigt Kekeritz eine Alternative zur offiziellen Linie des Vatikan auf. Damit klärten sie auf und würden ihrer Verantwortung als tragende gesellschaftliche Säule gerecht, meint der grüne Bundestagsabgeordnete.

Täglich infizieren sich 7000 Menschen mit HIV, die meisten davon durch ungeschützten Sex. Die familiären Tragödien beim Ausbruch der Krankheit AIDS sind verheerend. Die Weltgesundheitsbehörde geht davon aus, dass jährlich über 100 Millionen Menschen bitter und langfristig verarmen, weil sie erkranken und nicht versichert sind – AIDS spielt dabei keine unerhebliche Rolle.

Die päpstliche Verweigerung, das Thema der selbstbestimmten Sexualität offen anzugehen, führt auch dazu, dass die Stellung von Homosexuellen in vielen afrikanischen Ländern schwieriger wird. „Es häufen sich in vielen Ländern gewalttätige Übergriffe auf Schwule und Lesben, die durchaus auch als pogromartig bezeichnet werden müssen. Eine klare Positionierung der christlichen Kirchen wäre zwingend notwendig. Aber es kommt nichts“, gibt sich Kekeritz vom Papst enttäuscht.

Der Besuch des Papstes in Deutschland ist für die Katholiken ein Großereignis. Eine positive katholische Eigenschaft ist es, die Hoffnung nie aufzugeben. Auch aus dem entwicklungspolitischen Kontext heraus muss sein Besuch Anlass sein, sich kritisch mit der Sexualmoral des Papstes auseinanderzusetzen. „Das Kondomverbot muss fallen, auch wenn Kondome nur einen kleinen Beitrag zur Lösung vieler Probleme leisten können,“ fordert Kekeritz abschließend.

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