Menschenrecht auf Nahrung endlich umsetzen – strukturelle Ungleichheiten beseitigen 


16.10.2020
Die Fortschritte der Nuller-Jahre bei der Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung haben sich in den vergangenen fünf Jahren umgekehrt. 690 Millionen Menschen litten 2019 an chronischem Hunger – 10 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Durch die Auswirkungen der Coronakrise kommen nun noch etwa 130 Millionen akut Hungernde dazu.  

Die mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie sind noch nicht einmal genau zu beziffern. Absehbar ist aber, dass sich die Ernährungssituation in vielen Ländern auf Jahre verschlechtert, wenn Bäuerinnen und Bauern durch Einkommenswegfall oder Ausgangssperren ihre Felder nicht bestellen oder Ernten einholen können.

Dabei hatte sich die internationale Staatengemeinschaft zum Ziel gesetzt, den Welthunger bis zum Jahr 2030 zu besiegen. Dieses Ziel wird weit verfehlt.  Derzeit gehen die Vereinten Nationen sogar davon aus, dass sich die Zahl der Hungernden bis dahin um 150 Millionen Menschen erhöhen wird. Kurz gesagt: „Null Hunger“ wird es nicht geben, solange wir die grundlegenden Strukturen nicht ändern.

Gewaltsame Konflikte und die immer stärker spürbaren Auswirkungen der Klimakrise tragen massiv zu Hunger und Mangelernährung bei. Doch die zugrundeliegenden Ursachen, die Menschen in Krisensituationen überhaupt erst so vulnerabel machen sind die sozialen Ungleichheiten: Das Machtgefälle zwischen Nord und Süd, aber auch innerhalb einzelner Gesellschaften; ungleiche Handelsbeziehungen, bei denen die Länder des Südens vornehmlich Rohstofflieferanten bleiben; das Marktmonopol der Agrarindustrie; hohe Landkonzentration in den Händen weniger; Stadt- Land-Gefälle und Geschlechterungleichheiten, aber auch patentiertes Saatgut sowie die gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen hochgiftiger Pestizide. Um nur einige Aspekte zu nennen.

Das Problem ist nicht, dass weltweit zu wenige Nahrungsmittel produziert werden, sondern ihre ungleiche Verteilung. Deshalb, reicht es nicht, auf Effizienz- und Produktionssteigerung in der Landwirtschaft zu setzen, um Hunger und Armut erfolgreich zu mindern. Die „Grüne Revolution“, die auf industrielle Landwirtschaft setzt, ist krachend gescheitert. Anstatt die Lebensmittelversorgung der ländlichen Bevölkerung zu verbessern, wurde auf Exportorientierung gesetzt: „Cash Crops“ wie Soja, Kaffee oder Baumwolle für den Weltmarkt ersetzen auf den Feldern vielerorts die Nahrungsmittel für die lokalen Märkte. So konnten große Agrarkonzerne ihre Marktmacht ausbauen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern hingegen wurden durch hohe Preise für patentiertes Saatgut und schwankende Weltmarktpreise noch weiter in Armut getrieben, während die Abhängigkeit der Länder von Lebensmittelimporten wuchs. Gleichzeitig ist der globale Pestizideinsatz in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen, insbesondere in den Ländern des Südens. Auch europäische Unternehmen exportieren noch zahlreiche hochgiftige Pestizide in den globalen Süden, obwohl ihr Einsatz in der EU längst verboten ist. Gesundheitsschäden, Insektensterben und fatale Auswirkungen auf Gewässer und Böden sind die Folge.

Für Ernährungssouveränität unter Einhaltung der planetaren Grenzen und der Menschenrechte, braucht es deshalb eine grundlegende Neuausrichtung in vielen Politikfeldern: Die europäische Agrarpolitik und der internationale Handel müssen gerechter gestaltet werden und die Auswirkungen auf Hunger und Entwicklung im Globalen Süden berücksichtigen. Handelsabkommen müssen an den nachhaltigen Entwicklungszielen der Agenda 2030 und dem Pariser Klimaabkommen ausgerichtet werden. Die globale Landwirtschaft muss konsequent agrarökologisch und menschenrechtsbasiert umgebaut werden. Wir brauchen ein Ende von Nahrungsmittelspekulationen und Patenten auf Saatgut; eine gerechte Verteilung von Land und mehr Rechtssicherheit für die ländliche Bevölkerung, insbesondere unter Berücksichtigung von Frauen, Indigenen und marginalisierten Gruppen.

Auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit muss sich konsequent auf agrarökologische Ansätze ausrichten: Anstatt in Großprojekten mit der Agrarindustrie zu kooperieren, müssen Perspektiven für die ländliche Bevölkerung geschaffen werden, indem die Abhängigkeit von teuren Düngemitteln und patentiertem Saatgut gemindert wird und gleichzeitig mehr Wertschöpfung vor Ort gefördert wird und regionale und lokale Lieferketten gestärkt werden.