Wie Arbeitslosigkeit, Korruption und Ausgrenzung die Stabilität Europas gefährden


13.11.2014

Ende Oktober 2014 reiste Uwe Kekeritz nach Bosnien Herzegowina und anschließend nach Serbien. Sein Bericht dokumentiert das erschreckende Ausmaß von Jugendarbeitslosigkeit, Korruption und fehlender Aussöhnung bei ethnischen und religiösen Konflikten:

Global müssen wir leider feststellen, dass immer mehr Länder an den Rand der Existenzfähigkeit kommen, da soziale Ungerechtigkeit grassiert. Die „soziale Schere“ öffnet sich in fast allen Ländern der Erde. In vielen Ländern führt dies zur Fragilität und damit zu bedrohlichen oftmals auch kriegerischen Auseinander­setzungen.

Bei meiner Reise nach Bosnien-Herzegowina und Serbien zeigte sich deutlich, wie Armut und soziale Ungerechtigkeit die Existenzfähigkeit beider Länder bedrohen. Eine Aufarbeitung der Geschichte der Länder ist in desolaten sozialen Verhältnissen nicht möglich. Perspektivlosigkeit der Menschen führt immer in die gesellschaftliche Katastrophe.

Das Wahrzeichen Mostars, eine 1566 fertiggestellte Brücke, symbolisierte über viele Jahrhunderte hinweg die Gemeinsamkeit und letztlich auch die Toleranz, die zwischen den unterschiedlichen Religionen dominierte. Juden, Christen, Moslems und Orthodoxe lebten dort bespielgebend für ganz Europa jahrhundertelang im osmanischen Reich gut zusammen. Die Brücke schien bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Symbol des Miteinanders. Sie war ein verbindendes Element, das für die Entwicklung aller förderlich war.

Heute ist die Brücke zum Symbol der Trennung geworden. Heute gehen nur noch Touristen über diese Brücke, die dortige Bevölkerung meidet sie. Die Christen gehen nicht zu den Moslems und die Moslems nicht zu den Christen. Der Hass unter der Jugend, so wurde uns berichtet, ist größer, als der Hass der Elterngeneration, die sich im Krieg vor über 20 Jahren beschossen und sich auch durch Kriegsverbrechen schuldig machten.

Eine andere, gleichwohl ähnlich bedrückende gesellschaftliche Stimmung musste ich in Serbien feststellen. Faschistoide Kräfte, die in einem völlig korrupten System ein leichtes Spiel haben, destabilisieren in gefährlicher Weise die Gesellschaft. Serbien ist dem Absturz nahe. Ohne soziale Sicherheit, ohne Arbeitsplätze und ohne wirkliches Recht, kann sich Serbien aus dieser Situation nicht befreien.

Besonders schockierend ist die Situation der Roma, die in Slums ihr Leben fristen. Ich habe sehr oft in meinem Leben weltweit Slums besucht, doch selten so viel Elend gesehen. Die Slums der Roma in Serbien sind anders als Slums in warmen Regionen. Bei unserem Besuch war die Tagestemperatur nur auf ca. sechs Grad gestiegen. Nicht besonders kalt. Wenn man aber die Kinder in ihren dünnen Kleidern sieht, die schäbigen Hütten, die auf engstem Raum zwölf und mehr Menschen beherbergen müssen, vermittelt ein serbischer Slum einen anderen Eindruck. In Afrika, Kambodscha oder in El Salvador ist es immer warm. In Serbien ist der Winter hart und lang. Traurig ist die Tatsache, dass sich die Lebensweisen der Roma in den letzten 30 Jahren, nach dem Tode Titos stetig verschlechtert hat.

Die Regierung kämpft ums Überleben, die Arbeitslosigkeit stieg auf über 27 %. Die Jugend trifft es mit deutlich über 50 % noch härter. Das erklärt auch zum Teil ihre Radikalisierung. Die Gesellschaft steht am Rande einer Katastrophe und unter solchen Rahmenbedingungen übernehmen Minderheiten (auch wenn es von den Roma sehr viele gibt) oftmals eine Sündenbockfunktion. Auch wir trage hier Verantwortung.

Nach der Reise brauchte ich erstmals Abstand, um wieder aktiv arbeiten zu können. Denn an der Lösung müssen auch wir arbeiten, in Deutschland und vor allem in Europa. Es wäre naiv anzunehmen, dass wir beim Zerfall anderer Gesellschaften ungeschoren davon kommen würden. Deshalb sind wirkliche Hilfestellungen unsererseits keine Almosen sondern ein Beitrag zur Stabilisierung ganz Europas.

Ein ausführlicher Reisebericht wird demnächst verlinkt.