Olympia: Hungerlöhne für Adidas-NäherInnen?


23.07.2012
Die Organisatoren der Olympischen Spiele in London ermitteln gegen Adidas. Grund ist der Verdacht, der Konzern produziere Produkte für die olympischen Spiele unter ausbeuterischen Bedingungen. Uwe Kekeritz steht seit langem in ständigem Kontakt mit Adidas und kritisiert den Konzern nun scharf.

Von grünen Spielen ist die Rede. Von der nachhaltigsten Olympiade der Neuzeit. Die Organisatoren der Londoner Sommerspiele haben Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt ihrer Planung gestellt. Niedrige Emissionen, vollständiges Recycling und die Nutzung erneuerbare Energien – all das hat man sich vorgenommen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Veranstalter ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden – mit Hauptsponsoren wie BP und Dow Chemicals darf man die Ernsthaftigkeit dieser Ziele durchaus in Frage stellen.  Allerdings ist es bemerkenswert, welchen Stellenwert Nachhaltigkeit inzwischen auch bei sportlichen Großveranstaltungen wie den olympischen Sommerspielen einnimmt.

Die Verantwortung soll jedoch keinesfalls an den Stadtgrenzen Londons aufhören. Sämtliche Sponsoren und Ausstatter müssen einen strengen Verhaltenskodex umsetzen, der die nachhaltige Arbeitsweise aller beteiligten Firmen garantieren soll und explizit die globalen Zusammenhänge mit berücksichtigt.

Gegen genau diesen Kodex scheint der bayerische Sportartikelhersteller Adidas nun verstoßen zu haben. In der Shen Zhou Fabrik in Kambodscha wird den ArbeiterInnen ein Monatslohn von gerade einmal 61 US-Dollar bezahlt. Dies wohlgemerkt für täglich acht Stunden Arbeit an sechs Tagen der Woche. Durch Überstunden können es die ArbeiterInnen auf 120 Dollar bringen.

Die Konzernleitung widersprach dieser Darstellung umgehend und gab an, seinen Angestellten Gehälter weit über dem gesetzlichen Mindestlohn zu bezahlen. Allerdings klingt dieses Argument seltsam vertraut. Auch zu den Ausbeutungsvorwürfen in El Salvador hatte das Unternehmen erklärt, durchgehend Löhne zu bezahlen, die über die gesetzlichen Vorgaben hinaus gehen. In der Realität stellte sich dies jedoch anders dar, sodass der Konzern von dieser Behauptung wieder Abstand nehmen musste. Uwe Kekeritz besuchte im Mai dieses Jahres eine Produktionsstätte in El Salvador und kritisierte die niedrigen Löhne, die zum Leben  nicht ausreichen. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel! So kann man mit seinen Angestellten nicht umgehen!“, kommentierte er und fand deutliche Worte gegenüber der Konzernleitung.

Nach seiner Rückkehr suchte Adidas das direkte Gespräch und versicherte, in der globalen Lieferkette ausbeuterische Arbeitsverhältnisse stärker ins Visier zu nehmen. Nur wenige Tage später gelangten die Berichte aus der Fabrik in Kambodscha an die Öffentlichkeit: „Während in PR-Zentralen blumige Worte gefunden und Millionen in Werbekampagnen gesteckt werden, vernachlässigt Adidas nach wie vor die Verantwortung in Entwicklungs- und Schwellenländern“, so Kekeritz. „Ich fordere Adidas auf, diese Missstände umgehend zu beheben und seinen Angestellten ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Dass ausgerechnet ein Sportartikelhersteller dem Begriff der Fairness derart spottet, ist unmöglich!“ Es reicht häufig nicht, den landesweiten Mindestlohn zu bezahlen, da dieser viel zu niedrig ist. In El Salvador wurde deutlich: Viele Frauen, die im Hauptberuf für Adidas produzieren, brauchen einen Zweitjob, um den Lebensunterhalt für die Familie zu erwirtschaften. „Der Kampf für Gewerkschaften und faire Löhne muss weitergehen“, so Kekeritz.

Zwar wurden auch andere Hersteller wie Nike oder Speedo im Vorfeld für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse kritisiert, allerdings ohne eine vergleichbare Beweislast. Adidas versucht seit Jahren als Vorzeigekonzern aufzutreten und in der Öffentlichkeit neben den horrenden Gewinnen auch mit einem überzeugenden Nachhaltigkeitskonzept zu punkten. London 2012 lässt Zweifel an der Ernsthaftigkeit eines solchen Konzepts aufkommen. Der Konzern hat über 150 Millionen Dollar in die Olympischen Spiele in England investiert und möchte auf der Insel zum Sportartikelhersteller Nummer eins aufsteigen.  Dies wird mittelfristig nur gelingen, wenn Adidas seine Probleme in den Produktionsländern in den Griff bekommt und auf Ausbeutung verzichtet.