Katastrophen in Textilfabriken – Aufschrei verhallt


09.09.2013
Nach internationaler Kritik und öffentlichen Zugeständnissen machen die Unternehmen der Bekleidungsbranche wieder Business-as-usual.

Als am 11. September vergangenen Jahres die Fabrik von Ali Enterprises in Karatschi/Pakistan in Flammen aufging war das Entsetzen groß. Fehlende Notausgänge und nicht existente Brandschutzvorschriften führten zum Tod von 259 Menschen. Nie zuvor in der Geschichte des Landes hatte es eine vergleichbare Industriekatastrophe gegeben. Auftraggeber in der Textilfabrik, war unter anderem der deutsche Textildiscounter KiK aus dem nordrheinwestfälischen Bönen.

Nur zwei Monate später lenkte ein Großbrand in der bangladeschischen Tazreen-Fabrik, bei dem 112 Menschen starben, die Aufmerksamkeit auf die Arbeitsbedingungen in der globalen Zulieferkette der Textilindustrie. Das Leid der Menschen und die Fehlen einfachster Sicherheitsstandards erzürnte die Gemüter sowohl in Nordamerika und Europa, als auch in Bangladesch selbst. Wieder gehörte KiK zu den Auftraggebern. Aber auch die beiden deutschen Unternehmen C&A und Karl Rieker ließen in der Tazreen-Fabrik produzieren, sodass Uwe Kekeritz beschloss sich bei der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) über die deutschen Unternehmen zu beschweren.

Der Fabrikeinsturz des Rana Plaza Gebäudes – ein ebenfalls in Bangladesch angesiedeltes Fabrikgebäude – bildete am 24. April 2013 den traurigen Höhepunkt der Katastrophenserie im asiatischen Textilsektor. Die Opferzahlen stiegen im Minutentakt, bis sie mit insgesamt 1129 Toten eine schier unvorstellbare Größenordnung erreichten. Neben anderen Bekleidungsunternehmen musste wieder einmal KiK einräumen Auftraggeber in der Fabrik zu sein. Die Wut und Trauer in der Bevölkerung brachte tausende von Menschen auf die Straße und in Westeuropa und den USA diskutierten die Verbraucher wie derartige Katastrophen zu verhindern seien. Durch den Druck dieser Katastrophen gelobten die beteiligten Firmen Besserung. KiK erklärte sich zu Entschädigungszahlungen in Pakistan bereit, C&A ließ verlauten man verbessere weltweit die Produktionsstandards und eine breite Allianz von Bekleidungs-Unternehmen erklärte sich bereit ein Brandschutz- und Gebäudesicherheits-Abkommen zu unterzeichnen um Katastrophen dieser Art in Zukunft zu verhindern.

Soweit, so viel versprechend. Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt. Die beteiligten Unternehmen nutzen das schwindende öffentliche Interesse um sich der Verantwortung zu entziehen. So erklärte KiK bereits, dass das Unternehmen nicht dazu bereit sei, die Opfer des Rana Plaza Einsturzes zu entschädigen. Im Falle des Brandes in der Tazreen-Fabrik bestritten KiK und Karl Rieker schlicht Aufträge in der besagten Fabrik platziert zu haben. C&A, das zu Beginn noch scheinbar hingebungsvolles Krisenmanagement betrieben hatte gab an, dass die deutsche Gesellschaft des Unternehmens ebenfalls kein Auftraggeber bei Tazreen war, sondern dass lediglich die brasilianische Landesgruppe Bestellungen bei der Tazreen Fabrik in Auftrag gegeben hatte. Hintergrund ist der Folgende: das Unternehmen wird durch eine Holding Gesellschaft in der Schweiz verwaltet und ist dadurch in unterschiedliche Regional-Sparten aufgeteilt. C&A brauchte knapp ein halbes Jahr um herauszufinden, dass die brasilianische Landesgruppe für die Bestellung verantwortlich ist. Aus diesem Grund musste die OECD-Beschwerde an die Nationale Kontaktstelle in Brasilien weitergeleitet werden. Wenngleich das Unternehmen nicht nachweisen konnte, dass die deutsche Landesgesellschaft niemals Aufträge bei der Tazreen Fabrik  platziert hat. Dies geht aus dem Briefwechsel mit dem Unternehmen hervor (die Briefe der Unternehmen können unten eingesehen werden).

Die Entwicklungen zeigen: nach ersten Lippenbekenntnissen machen die betroffenen Unternehmen weiter wie zuvor. Sie haben kein Interesse daran den ArbeiterInnen vor Ort ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen sondern folgen weiter der Logik der Gewinnmaximierung. Uwe Kekeritz konnte sich während einer Reise nach Bangladesch selber davon überzeugen wie lange es dauert vor Ort Fortschritte zu erzielen. Gerade wenn der Wille zur Verbesserung von Seiten der Unternehmen nicht vorhanden ist. Deshalb muss weiterhin laut und deutlich eingefordert werden, dass die Unternehmen Verantwortung für die gesamte Zulieferkette übernehmen. Sie müssen für Verstöße gegen Arbeits- und Umweltstandards sowie gegen die Menschenrechte zur Rechenschaft gezogen werden. Die Unternehmen müssen verstehen, dass Unternehmensverantwortung kein Thema für Hochglanzbroschüren sein kann sondern fester Bestandteil der Unternehmenskultur werden muss! Bis es soweit ist muss die Politik und die Zivilgesellschaft dafür sorgen, dass sich Unternehmen an die bestehenden Regeln halten. Aus diesem Grund reichte Uwe Kekeritz eine Beschwerde gegen die Unternehmen C&A, Karl Rieker und KiK ein. Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Unternehmen durch ein Mediationsverfahren endlich Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

Dateien:
1._Brief_an_KiK
1._Antwort_von_KiK
2._Brief_an_KiK
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3._Brief_an_KiK
4._Brief_an_KiK
4._Antwort_von_KiK
1._Brief_an_C_A_
1._Antwort_von_C_A
2._Brief_an_C_A_
2._Antwort_von_C_A
1._Brief_an_Rieker
2._Brief_an_Rieker_
Antwort_von_Rieker