Hunger ist ein vermeidbares Leid


16.10.2015
Das Millenniumsentwicklungsziel Hunger bis 2015 zu halbieren, wurde trotz etlicher statistischer Kniffe verpasst. Es wird Zeit, den Kampf gegen Hunger und Mangelernährung ehrlich zu begegnen. Das fängt bereits bei der Analyse an.

Der Welternährungstag erinnert an ein eigentlich vermeidbares Leid: Hunger. Noch immer werden viel zu viele Menschen nicht satt oder leiden unter Mangelernährung. Nutzbares Land ist eine zentrale Ressource zur Ernährung aller Menschen. Staudammgroßprojekte, Palmölplantagen oder andere Agrargroßinvestitionen, Fälle von Landraub, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen sind dabei ein weltweites Problem und eben keine Ausnahme. Der Zugang zu Land wird zur lebensbedrohlichen Existenzfrage.

Laut offizieller Zahlen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) leiden heute noch 795 Millionen Menschen unter Hunger. Dabei hungert laut FAO nur, wer über ein Jahr weniger als 1800 Kilokalorien täglich zu sich nimmt. Diese Kalorienmenge deckt gerade einmal den Energiebedarf für einen „bewegungsarmen Lebensstil“ – eine absurde Definition, die völlig an den Lebenswirklichkeiten der Mehrheit der Menschen vorbei geht. Nimmt man den „stillen Hunger“ hinzu – also den Mangel an essentiellen Mikronährstoffen wie Jod, Eisen und Vitamin A– dann sind skandalöse zwei Milliarden oder mehr Menschen betroffen. Besonders für Kinder und Schwangere ist dieser stille Hunger fatal. Da Frauen überproportional stark davon bedroht sind, ist der Kampf gegen Hunger auch eine Frage der Gleichberechtigung.

Paradoxerweise leidet besonders die Bevölkerung in ländlichen Regionen. Beim Kampf gegen Hunger setzt die Politik der Bundesregierung mit Initiativen wie der „New Alliance for Food Security and Nutrition“ auf agroindustrielle Landwirtschaft nach westlichem Vorbild. Anstatt ökologische Anbaumethoden und KleinbäuerInnen in den Mittelpunkt zu rücken werden, wie es der Weltagrarbericht fordert, werden unter dem Deckmantel der Hungerbekämpfung die Märkte vieler Entwicklungsländer für teure Düngemittel, Pestizide und patentiertes Saatgut erschlossen. Entwicklungspolitische Initiativen wie die „German Food Partnership“ stehen wegen ihrer Nähe zur Privatwirtschaft zu Recht in der Kritik, bestehen aber weiter fort. Monsanto, Syngenta, Bayer & Co. dürfen sich die Hände reiben.

Dass immer noch Milliarden hungern oder mangelernährt sind, ist ein Skandal. Das Welternährungsproblem mit Produktionssteigerung lösen zu wollen, verkennt die Tatsache, dass Hunger und Armut gemeinsam bekämpft werden müssen. Es ist genug für alle da – die Verteilung ist das Problem. Anstatt die Märkte Afrikas mit billig-subventionierten Überschüssen und Produktionsresten zu überschwemmen, müssen die betroffenen Menschen ins den Mittelpunkt gerückt werden. Viele Hungernde leben selbst von landwirtschaftlicher Produktion. Ein abrupter Strukturwandel hin zu agroindustrieller Landwirtschaft zerstört nicht nur die Umwelt sondern auch die Existenz unzähliger Menschen und verschärft damit den Hunger.

Wir brauchen eine radikale Wende. Damit weniger Menschen hungern, brauchen wir eine dezentrale, auf ökologischen Prinzipien beruhende Landwirtschaft, die die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern gewährleistet, die Biodiversität fördert und regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützt. Unsere Erde kann uns alle ernähren. Nicht zu handeln, unsere Politik nicht zu ändern, kommt viel zu vielen Menschen teuer zu stehen.