Hunger durch El Niño – die vergessene Krise


26.02.2016
Bei der Vielzahl Krisen, die sich derzeit „vor der Haustüre“ abspielen, wird übersehen, dass derzeit Wetterextreme die Existenz von 50 Millionen Menschen alleine in Afrika gefährden. Das Wetterphänomen El Niño führt einerseits zu anhaltenden Dürren und gleichzeitig anderen Orts zu starken Überschwemmung.

Das südliche Afrika erlebt die trockenste Periode seit Jahrzehnten. Im östlichen Afrika zerstörten Wassermassen in Kenia und Teilen Somalias ganze Landstriche und zwingen Menschen aus ihrer Heimat. Gleichzeitig trocknen der Norden Somalias und Äthiopien aus. Die Erträge sind um 50-90 Prozent gefallen – mancherorts ist an Ernte gar nicht mehr zu denken. Verzweifelt versuchen Menschen ihre Tiere zu verkaufen, um ein letztes bisschen Einkommen zur Verfügung zu haben. Doch die Preise sind im Keller. Wer will schon Vieh besitzen, wenn Wasser und Futter immer knapper werden? Die Wasserknappheit verschlechtert auch die hygienischen Verhältnisse. Unterdessen steigen die Preise von Grundnahrungsmitteln zusehens. Mais kostet in Malawi 73 Prozent mehr als der Normalpreis. Im ohnehin bürgerkriegsgebeutelten Südsudan verschärft El Niño eine katastrophale Ernährungssituation. Noch wird der Begriff Hungersnot zwar vermieden. Derzeit deutet jedoch viel darauf hin, dass die Menschen in weiten Teilen des östlichen und südlichen Afrikas Gefahr laufen geradewegs darauf zuzusteuern.

Der Ostpazifik hat Fieber und stürzt die globalen Wetterverhältnisse ins Chaos. Was alle 3-5 Jahre die Umkehr der Verhältnisse im Pazifik konkret auslöst ist nicht genau geklärt. Die Erderwärmung und die Verschiebung des Südpazifikhochs könnten die Passate im Ostpazifik schwächen und so zu häufigeren, stärkeren und länger andauernden El Niño Phasen führen. Dieses düstere Szenario zeigt wie wichtig es ist die Klimakatastrophe aufzuhalten. El Niño zeigt sehr deutlich: beim Klimaschutz geht es nicht um abstrakte Grad-Ziele in Konferenzbüros. Das Leben und die Existenz von Millionen von Menschen sind schon heute unmittelbar betroffen.

Auch anderswo auf der Welt spielt das Wetter verrückt. So herrscht in Südostasien und Australien außergewöhnliche Trockenheit. Die Bilder von den brennenden Regenwäldern Indonesiens gingen um die Welt. Vor der Westküste des amerikanischen Kontinents kommt es zu starken Niederschlägen und Überschwemmungen. Anfang Januar standen Teile von Los Angeles unter Wasser – obwohl Kalifornien seit Jahren unter einer lähmenden Dürre leidet. In Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay sprach man von den schwersten Überschwemmungen seit Jahrzehnten.

Als erster Indikator für einen El Niño gilt eine dauerhaft erhöhte Wassertemperatur im östlichen Pazifik. Dieser El Niño ist sehr viel stärker als sonst. Die Warnungen gibt es seit Monaten. Man könnte sagen: Hunger und Leid mit Ansage.

Grundsätzlich bleibt das zentrale Problem bei derartigen Krisen die Tatsache, dass die Hilfsorganisationen chronisch unterfinanziert sind. Diese Mittelknappheit führt zu weitaus höheren Folgekosten, die sich z.B. aus dem Lufttransport von Hilfsgütern ergeben. Immer wieder appellieren Hilfsorganisationen an die Weltgemeinschaft für Abhilfe zu sorgen. Bisher leider mit magerem Ergebnis. Nur ein Bruchteil der von den Vereinten Nationen aufgerufenen $5 Mrd. ist finanziert. Das Entwicklungsministerium stellt für die Maßnahmen im Zuge von El Niño rund 80 Millionen Euro zu Verfügung. Das Auswärtige Amt steuert gut 5 Millionen Euro bei.

Die nächsten Monate sind von entscheidender Bedeutung. Hoffnungen auf einer Normalisierung der klimatischen Bedingungen. Doch bis sich die Teller wieder füllen ist die Staatengemeinschaft gefordert. Die Ernteeinbußen der vergangenen Monate waren enorm. Die Lagerbestände sind aufgezehrt. Südafrika bspw. ist vom Maisexporteur zum Importeur geworden. Die Wasserknappheit verschlechtert auch die hygienischen Verhältnisse was sich besonders stark auf vulnerable Gruppen wie Kinder, Alte oder Kranke auswirkt.

 

„Jetzt wäre allerhöchste Zeit um zu handeln. Die Bundesregierung kann und sollte der Hungerkrise in Afrika mehr Aufmerksamkeit schenken. Der Bundestag hat die Mittel für Humanitäre Hilfe deutlich erhöht. Es wäre unverantwortlich auf den Geldern zu sitzen bis uns die ersten schrecklichen Bilder wachrütteln.“ meint Uwe Kekeritz.

 

Das Welternährungsprogramms (WFP) stuft bereits jetzt 14 Millionen Menschen als ernährungsunsicher ein. Werden keine und nur unzureichende Maßnahmen ergriffen um das größte Leid zu lindern und die nächste Anbausaison zu einem Erfolg gedeihen zu lassen, könnte sich diese Zahl bald vervielfachen. Es besteht die ernste Sorge, dass die Syrienkrise und die Aufnahme von Flüchtlingen die Hungerkrise in Afrika verdrängt, ausblendet. Grund zur Zurückhaltung gibt es aber nicht mehr. Die Krise ist da. Es liegt an der Weltgemeinschaft schlimmeres zu verhindern.