Hunger auf Veränderung – Landwirtschaft global gestalten


24.11.2016
Wie lässt sich die Weltbevölkerung langfristig ernähren ohne Böden zu Grunde zu richten? Was verbindet Landrechtsaktivisten in Brasilien mit Hühnerfarmern in Kamerun? Warum lässt sich der Klimawandel ohne Agrarwende kaum beherrschen und welche Folgen hatte die Erwärmung für das Recht auf Nahrung?

Bei der großen internationalen Agrarkonferenz der Grünen Bundestagsfraktion wurde die globale Tragweite politischer Weichenstellungen deutlich. Laut FAO hungern weiterhin 795 Millionen – einer von neun – Menschen auf dieser Welt. Jährlich sterben mehr Menschen an Hunger als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen genommen. Die Landbewirtschaftung weltweit trägt ein Viertel zur Erderwärmung bei. Das rasante Artensterben wirkt sich fatal auf die Resilienz unserer Ökosysteme aus. Mehr Biodiversität, mehr Arten, mehr Sortenvielfalt muss das Ziel sein. Prof. Harald Lesch appellierte in seiner dicht mit Informationen gespickten Keynote daran zu Handeln. Der enorme Energieverbrauch konventioneller Landwirtschaft – bspw. für die Herstellung von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden – sei nicht nachhaltig.

Inacio Werner, aus dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, berichtete in seinem leidenschaftlichen Beitrag aus seiner Arbeit gegen die katastrophalen Auswirkungen des agrarindustrieller Landwirtschaft: Entwaldung, massiver Einsatz von Pflanzengiften, Vertreibung von Kleinbäuer*innen und Indigenen Gruppen sowie teils sklavenähnliche Verhältnisse für die Arbeiter*innen auf den Großbetrieben. Die Tierfabriken in Deutschland laufen auch deshalb auf Hochtouren, weil der Flächenhunger in Brasilien und anderswo gestillt wird. Weite Teile der Ackerflächen werden mit gentechnisch veränderten Pflanzen wie dem „Roundup-Ready“-Soja von Monsanto (bald Bayer-Monsanto?) bepflanzt – die ausgebrachte Menge an Pestiziden schießt in astromische Höhen. Weder für die Umwelt, noch für das Klima oder die Menschen eine nachhaltige Strategie Landwirtschaft zu betreiben.

Mitunter sogar direkt gesundheitsgefährdend ist der Export von tiefgefrorenen Hähnchenteilen nach Westafrika. In Stichproben habe man bspw. bei rund einem Viertel der verramschten Überproduktion aus Europa eine Belastung mit Salmonellen festgestellt, so Yvonne Takang aus Kamerun. Sie erzählte auch von ihrer Sorge mit dem Abschluss sogenannter „Economic Partnership Agreements“ mit Europa könnte sich die Fehler unumsichtiger Handelsliberalisierungen wiederholen, die bereits schon einmal die Existenzen unzähliger inländischer Hühnerfarmer*innen zerstörten. Mit den Hühnern verschwanden auch große Mengen des organischen Düngers, auf den beispielsweise Gemüsebäuer*innen angewiesen sind.

Bernd Naaf, Vorstand bei Bayer CropScience, lieferte sich mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen Bundestagsfraktion, Toni Hofreiter, eine Schlagabtausch über unternehmerische Verantwortung, Ökologie und nachhaltige Landwirtschaft. In sechs Foren wurden die Aspekte Landraub, Handel, Recht auf Nahrung, Flucht, Konzernmacht und die planetare Grenzen vertieft.

Die Frage „Kleinbäuer*innen oder Agrarindustrie – mit wem können wir das Recht auf Nahrung verwirklichen?“ beschäftigte das von Uwe Kekeritz moderierte Forum der Konferenz. Nach Schätzung des High Level Panel of Experts der FAO leben weltweit ca. 70 Prozent – oder rund 1 Milliarde – der von Armut betroffenen Menschen in ländlichen Gegenden. Die aller meisten sind zumindest teilweise oder gar komplett von Landwirtschaft abhängig. Abgesehen von Konflikten sind Armut und der fehlende Zugang zu Ressourcen die Hauptgründe für Hunger. Das Recht auf Nahrung lässt sich nicht verwirklichen, ohne die Interessen der betroffenen Menschen in den Mittelpunkt zu rücken.

Sarah Schneider, entwicklungspolitische Referentin bei Misereor, forderte der Zugang zu produktiven Ressourcen (z.B. Land, Saatgut, Wasser) für Bäuer*innen müsse gesichert werden. Mit öffentlichen Geldern für Beratung und partizipative Forschung, an kleinbäuerlichen Strukturen angepasste technische Innovationen, Investitionen in Infrastrukturen für Lagerung und Weiterverarbeitung und dem Zugang zu lokalen Märkten nannte sie weitere Stellschrauben, um das Recht auf Nahrung zu verwirklichen. Dr. Stephan Krall, Leiter des Kompetenzcenter Wald, Biodiversität und Landwirtschaft bei der GIZ, plädierte dafür die Privatwirtschaft in die Lösung einzubeziehen und warb neben der ökologischen und sozialen auch die ökonomische Nachhaltigkeit nicht außer Acht zu lassen.

Der Weltagrarbericht (Agriculture at a Crossroads) fordert eine grundsätzliche Neuausrichtung von Agrarpolitik und Agrarforschung, welche die überragende Bedeutung der bäuerlichen Landwirtschaft für die Bekämpfung des Hungers anerkennt. Die Bundesregierung weigert sich diesen zu unterzeichnen. IFAD (International Fund for Agricultural Development) betont: Erstens, obwohl sie stark marginalisiert werden produzieren Kleinbauern über 80 Prozent der Nahrungsmittel in Entwicklungsländern; zweitens, Kleinbauern brauchen intakte Ökosysteme; drittens, eine Ausweitung einer agrarindustriellen Produktion wäre fatal für Ökosysteme. Kleinbauern können mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen entscheidend beitragen Landwirtschaft nachhaltiger gestalten.

Die Entwicklungszusammenarbeit – nicht nur aber eben auch das BMZ – setzt beim Kampf gegen Hunger und Mangelernährung auf private Investitionen und die Kooperation mit Unternehmen. Die New Alliance for Food Security and Nutrition der G7, die German Food Partnership und auch jetzt die Grünen Zentren von Entwicklungsminister Gerd Müller: alle Suchen die Kooperation mit Bayer & Co. Doch können bei solchen Kooperationen überhaupt die Interessen der Bäuerinnen und Bauern im Mittelpunkt stehen? In hübschen Broschüren wird gerne betont, man halte sich an internationale Standards, wie dem Internationalen Verhaltenskodex für Pestizidmanagement (International Code of Conduct on Pesticide Management) oder den Freiwilligen Leitlinien der FAO zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden (Voluntary Guidelines for Responsible Gover-nance of Tenure of Land and other Natural Resources). Oxfam kommt bei der Analyse der German Food Partnership zu einem gegenteiligen Urteil und titelt: „Böcke zu Gärtnern – Wie die aktuelle Kooperation mit Agrarkonzernen eine nachhaltige Landwirtschaft verhindert“.