Fachgespräch: „Klima, Böden, Welternährung – Welche Beiträge können Ökolandbau und Agrarökosysteme leisten?“


26.09.2016
Im Fachgespräch „Klima, Böden, Welternährung - Welche Beiträge können Ökolandbau und Agrarökosysteme leisten?“ der Grünen Bundestagfraktion diskutierten Uwe Kekeritz und Harald Ebner mit ihren Gästen die Frage, wie Landwirtschaft zur Lösung der Klimakrise beitragen kann.

Weltweit sind rund ein Drittel aller klimaschädlichen Gase auf die Land- und Ernährungswirtschaft zurückzuführen. Einig waren sich die anwesenden Expert*innen und die Gastgeber*innen darin, dass sich die Frage der Welternährung letztendlich an Qualität und Zustand unserer Böden entscheidet. Im ersten Teil der Veranstaltung wurden über die die Chancen des ökologischen Landbaus zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und die Reduktion der Emissionen aus der Landwirtschaft diskutiert. Der internationale Teil des Fachgesprächs befasste sich mit den Möglichkeiten agrarökologischer Methoden Einkommen von Bäuer*innen und die Widerstandsfähigkeit gegen Klimaauswirkungen zu steigern. Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, wies einleitend darauf hin, dass mit dem Paris-Abkommen erstmals festgelegt wurde, dass wir endlich eine in allen Bereichen klimaneutrale Gesellschaft brauchen. Es sei eine wichtige Fragestellung für die Zukunft, wie wir es schaffen, die Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren.

Im ökologischen Landbau arbeiten Pionier*innen seit Jahrzehnten daran, den Humusgehalt ihrer Böden zu erhöhen. Diese Ansätze sind vor dem Hintergrund der Diskussion um die Klimakrise inzwischen nicht mehr nur unter dem Aspekt der Bodenfruchtbarkeit interessant, sondern können auch über die Erhöhung der CO2-Speicherkapazität in den Böden zu einer positiveren Klimabilanz der Landwirtschaft beizutragen. Harald Ebner, Obmann der Grünen im Agrarausschuss, betonte zu Beginn des ersten Panels, dass eine Gesamtbetrachtung der Landwirtschaft inklusive eingesetzter Futter- und Betriebsmittel nötig sei, man könne nicht nur sektoral die hiesigen CO2-Emissionen bewerten. Er machte deutlich: „Wir brauchen Lösungen für das Gesamtsystem“. Um die zu erarbeiten, forderte er deutlich mehr Ressourcen für Forschungs- und Beratungsleistungen und eine Verstärkung des Bodenschutzes. Insbesondere das CO2-Speicherpotenzial des Bodens müsse stärker betrachtet werden. Biolandwirt Josef Braun, Experte für Bodenverbesserung und Humusaufbau, stellte es als entscheidende Frage zur Ernährung der Weltbevölkerung dar, ob wir in der Lage sind, die Böden wieder fruchtbar zu machen. „Wenn wir in der Landnutzung Humus wieder aufbauen wollen, geht das nur mit Feldfutter, mit Kleegras in der gesamten Landwirtschaft“, so Braun. Zudem wies er auf die Bedeutung von Innovationen in der Agrartechnik hin, um Bodenverdichtungen entgegen zu wirken und stellte auch den Zusammenhang zwischen Bodenzustand und dem Ausmaß der Hochwasserschäden der jüngsten Zeit her. Auch über das Anfang September erschienene Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrar- und Waldpolitik „Klimaschutz in der Land- und Forstwirtschaft“ wurde debattiert; das aktuelle Gutachten wurde als wertvoller Diskussionsbeitrag gewürdigt, von Expert*innen und Zuhörer*innen wurde aber kritisiert, dass das Gutachten eine verengte Sichtweise bei der Bewertung von Einzelmaßnahmen einnehme. Bernhard Osterburg von der Stabsstelle Klimaschutz des Thünen-Instituts, sagte mit Blick auf das Klimagutachten der Wissenschaftlichen Beiräte, dass eine flächenbezogene Betrachtung des Ökolandbaus zwar weniger Treibhausgasemissionen zeige und die Umweltleistungen des Ökolandbaus für Biodiversität und Wasser unbestritten seien. Für das Klimagutachten sei aber eine auf einzelne Produkte und nur auf Treibhausgase bezogene Bilanz gezogen worden.

International werden von Initiativen wie der „Global Alliance for Climate Smart Agriculture“ verstärkt Modelle der agrarindustriellen Landwirtschaft, die auf Totalherbizide setzen, als „klimaintelligent“ vermarktet. Gerade im globalen Süden werden dabei oft enge Kooperationen mit Saatgut-, Düngemittel- und Pestizidherstellern vorangetrieben, von denen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern vor Ort meist wenig profitieren, oder die ihnen sogar schaden. Uwe Kekeritz, Sprecher für Entwicklungspolitik der Fraktion, unterstrich bei der Einleitung zum zweiten Panel die Wichtigkeit des Konzepts der Ernährungssouveränität. An lokale Gegebenheiten angepasste Produktionsmethoden, die die Bodenfruchtbarkeit verbessern, böten Einkommensperspektiven. „Gigantische agrarindustrielle Landwirtschaftsprojekte zerstören die wichtigste Ressource der Bäuerinnen und Bauern – fruchtbare Böden“ so Kekeritz. Durch agrarökologische Methoden werde die Resilienz der Ökosysteme gegenüber Klimaauswirkungen gestärkt und die Produktivität nachhaltig gesteigert. Paula Gioia von La Via Campesina betonte, dass das industrielle Lebensmittelproduktionssystem enorme Mengen an Treibhausgasen verursache. „Business as usual“ sei keine Option, das sage auch der Weltagrarbericht. Sie stellte auch die große Bedeutung der Kleinbäuer*innen heraus, die auf nur 30 Prozent der Flächen die Nahrung für 70 Prozent der Weltbevölkerung produzieren. Anhand von Fallbeispielen aus der Arbeit von La Via Campesina zeigte sie, wie agrarökologische Methoden das Einkommen von Bäuer*innen steigern, die Bodenfruchtbarkeit verbessern und zusätzlich die Resilienz gegenüber Klimaeinwirkungen stärken können. Birgit Wilhelm vom WWF stimmte zu, die zentralste Forderung der Agrarentwicklungspolitik sei es, die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, zu fördern und aufzubauen. Denn Bodendegradation sei eines der großen Probleme. „Wenn wir das vernachlässigen, brauchen wir nicht mehr über Welternährung zu sprechen“, sagte sie. In der Arbeit des Bundesministeriums wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sei natürliche Bodenfruchtbarkeit bisher nur unzureichend verankert, kritisierte sie.