Eigentor – Brasilien ist bereits jetzt Verlierer der Weltmeisterschaft 2014


04.04.2014
Brasilien ist voll und ganz mit den Vorbereitungen für die diesjährige Fußballweltmeisterschaft beschäftigt: Stadien werden gebaut, Städte verschönert und die Infrastruktur verbessert. Außerdem sollen Polizeieinheiten für Sicherheit in den Favelas sorgen, die als Hochburgen von Kriminalität und Drogenhandel gelten. Bei all den innovativen Projekten bleibt jedoch eine Sache auf der Strecke: die Zivilgesellschaft.

Der Stadtteil Maré, der aus 16 Favelas besteht, ist ohne Zweifel ein sozialer Brennpunkt: Gewalt und Drogenhandel bestimmen den Alltag. Am vergangenen Wochenende machte die brasilianische Regierung ernst: 1300 bewaffnete Polizisten besetzten die Favelas. Das rigorose Vorgehen ist Teil der Sicherheitsstrategie der Regierung Rousseff, die einen sicheren Ablauf der Fußball Weltmeisterschaft im Juni garantieren soll.

Doch rigoros handelt die brasilianische Regierung leider nicht nur im Bereich der Sicherheitspolitik: Schätzungsweise 250,000 Menschen wurden bereits aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben, da man die Grundstücke für Bauvorhaben im Rahmen der WM benötigte.  Museen wurden geschlossen, da der Platz für einen großen Parkplatz gebraucht wurde. Doch nicht nur die Wohnsituation der Menschen ist gefährdet: Während FIFA-Präsident Sepp Blatter Brasilien noch für die Trödelei beim Bau der Stadien  kritisiert, haben die Arbeiter auf den Baustellen ganz andere Probleme: Es kam bereits zu mehreren Todesfällen aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen. Erst vor wenigen Tagen kam ein Bauarbeiter ums Leben. Die Ermittlungen wurden allerdings eingestellt, da es sonst zu weiteren Verzögerungen bei der Fertigstellung gekommen wäre. Die Löhne der Arbeiter liegen unter dem Existenzminimum.

Während des Confederations Cup, der im letzten Jahr stattfand, demonstrierten über 200,000 Menschen gegen die hohen Kosten, die durch die WM entstehen. Sie forderten, dass in das Gesundheits- und Bildungssystem und nicht in Fußball investiert werden müsse. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung war deutlich geworden, dass das Sportereignis in erster Linie dem Weltverband FIFA und der brasilianischen Oberschicht zugutekommen würde. Unter anderem beansprucht die FIFA exklusive Verkaufsrechte – Straßenhändler verlieren ihre Lizenzen und Verkaufsplätze, da rund um die Stadien Sperrzonen eingerichtet werden sollen. Es wird geschätzt, dass bis zu 300,000 HändlerInnen davon betroffen sein könnten.

Aber auch deutsche Unternehmen wie Siemens oder Adidas profitieren von dem Ereignis, und sogar für die Bundesregierung selbst ist die WM ein lukratives Geschäft: 34 gebrauchte „Gepard“-Flugabwehrkanonenpanzer aus Deutschland sollen für Sicherheit während der Weltmeisterschaft und der anschließenden Olympiade sorgen. Die Kosten für die Panzer belaufen sich auf 30 Millionen Euro.

Experten schätzen, dass sich das Land durch die WM so stark verschuldet, dass sich die brasilianische Regierung im nächsten Jahr auf hohe Einschnitte im Staatshaushalt einstellen muss. Die notwendigen Einsparungen werden dann zu Lasten der Bevölkerungen gemacht werden – man rechnet mit Steuererhöhungen und Preissteigerungen. Uwe Kekeritz kritisiert die rücksichtslose Politik der Regierung und die Profitgier der FIFA-Organisation:  „Das Wohl der Zivilgesellschaft darf nicht auf Kosten einer Fußballveranstaltung gefährdet werden! Ich finde es grotesk, dass Menschen aus ihren Wohnvierteln vertrieben werden, nur damit neue Stadien und Trainingsgelände gebaut werden können! Auch die beteiligten Unternehmen, die unter anderem aus Deutschland kommen, müssen Verantwortung übernehmen und für faire und sichere Arbeitsbedingungen sorgen!“