Die „Cotton Four“ – Baumwollanbau in Westafrika und warum die WTO versagt


14.04.2016
Expert*innen von Misereor und Germanwatch diskutierten mit der Parlamentariergruppe Französischsprachige Staaten West- und Zentralafrika unter dem Vorsitz von Uwe Kekeritz die Situation der Cotton Four (C4), einem Zusammenschluss der baumwollexportierenden Länder Benin, Burkina Faso, Mali und Tschad. Ihre Forderungen an die Politik sind klar: endlich faire Chancen.

Baumwolle wird in Westafrika vor allem kleinbäuerlich angebaut, stellt aber eine wichtige Quelle für Deviseneinnahmen vieler Länder dar. In den C4-Staaten trägt die Baumwollproduktion mit etwa dreizehn bis zwanzig Prozent zum BIP bei. Der überwiegende Teil der in C4-Saaten angebauten Rohbaumwolle wird exportiert, vor allem nach Asien. So kommt es, dass Westafrika mit ca. 3,5 Prozent der Weltproduktion gleichzeitig einen erheblich größeren Teil der auf dem Weltmarkt gehandelten Baumwolle stellt (ca. 8%). Und der Weltmarkt ist auch Stein des Anstoßes für die Beschwerden der C4-Länder. Der Grund: Subventionen für Baumwollproduzenten in den USA drücken die Preise erheblich.
Nach Schätzungen des International Centre for Trade and Sustainable Development (ICTSD), ein Think Tank mit Sitz in Genf, subventionieren die USA heimische Baumwollbauern jährlich mit 1,5 Milliarden US-Dollar – das entspricht durchschnittlich 75.000 US-Dollar pro Jahr und Baumwollbäuer*innen. Die Summe ist so gewaltig, dass der Weltmarktpreis um mindestens 7 Prozent gedrückt wird und Baumwollproduzent*innen weltweit weniger einnehmen. Dabei wurde der Abbau von Baumwollsubventionen bereits in der Doha-Runde 2001 zum „Lackmustest“ erhoben, anhand dessen die Umsetzung von Zusagen der Industrieländer gemessen werden sollte – vergebens. Die C4-Staaten hatten auch bei der WTO-Ministerkonferenz in Nairobi eine Absenkung und Deckelung der Baumwollsubventionen in den USA gefordert. Dort getroffene Entscheidungen blieben allerdings weit hinter den Erwartungen zurück. Brasilien hatte gegen die US-Praktiken geklagt und sich auf eine hunderte Millionen US-Dollar schwere, jährliche Abfindung geeinigt. Dabei wurde vorsorglich vereinbart, dass Brasilien auch nicht gegen das reformierte Agrarprogramm der USA zu Felde ziehen darf, obwohl weiterhin handelsverzerrende Subventionen in Milliardenhöhe fließen. Die C4-Staaten konnten bisher nicht den Druck aufbauen, der für Brasilien zum Erfolg geführt hat. Gut möglich, dass sonst auch die Kürzung von Entwicklungsgeldern drohen würde. Und so wiegen die Interessen von wenigen tausend (15.000-20.000) Baumwollproduzent*innen in den USA gewichtiger als die von hunderttausenden Kleinbäuer*innen in Westafrika.
Dabei konnte die Produktionsmenge in den C4-Staaten seit der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren enorm gesteigert werden. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil die Steigerung vor allem durch eine Steigerung der Flächenerträge und eben nicht durch eine Ausweitung der Anbauflächen erreicht wurde. In Burkina Faso waren in den 2000er Jahren um 462 Prozent höhere Erträge als in 1960er Jahren zu verzeichnen. Von den Expert*innen wurde das vor allem auf die intensive staatliche Agrarforschung zurückgeführt. Vor Ort sieht man das Potential für weitere Ertragssteigerungen, vor allem im Bereich der Anbaumethoden. Allerdings stagniert die Fortentwicklung seit den einschneidenden Strukturanpassungsprogrammen und der damit verbundenen (Teil)Privatisierungen. Im Grunde wurden zwei Pole skizziert: während die Weltbank den Fokus auf Spezialisierung der Produzenten setzt, sehen die C4-Staaten in der Baumwolle einen potentiellen Motor für inklusive Entwicklung. Der Status quo scheint letzteren zu stützen. Baumwolle stellt in Westafrika auf Haushaltsebene in der Regel eine von mehreren Einkommensquellen dar, meist nicht mehr als 10 Prozent. Allerdings könnten fairere Weltmarktpreise so potentiell breiten Bevölkerungsschichten zugutekommen. Mehr Wertschöpfung in den Produktionsländern wurde ebenso als wichtiges Ziel identifiziert. Dabei geht es nicht alleine um die Weiterverarbeitung zu Textilien sondern bspw. auch um die Produktion von Kraftfutter aus Baumwollkernen.
Kurz angesprochen wurde der Ausstieg Burkina Fasos aus der Gentech-Baumwolle. Nach Gold ist Baumwolle die zweitgrößte Einnahmequelle Burkina Fasos. 2009 begann man in dem Land mit Hilfe von Monsanto lokale Baumwollsorten genetisch zu verändern. Dabei versprach Monsanto, präzise Veränderungen einzelner Merkmale vornehmen zu können. Konkret wurden lokale Sorten mit Genen versetzt, die dazu führen, dass die Baumwollpflanze für Insekten giftige Proteine bildet. Seither hat die Qualität der Baumwolle – konkret die Länge der Baumwollfasern – allerdings sehr stark abgenommen. Daher beschloss Burkina Faso mittlerweile den Komplettausstieg aus der Gentech-Baumwolle bis 2016/2017. Zusätzlich wurden Anfang April Schadensersatzforderungen in Höhe von 84 Millionen US-Dollar an Monsanto gestellt. Angesichts der immer wieder aufkeimenden Gentechnik-Debatte findet dieser Fall überraschend wenig Beachtung in der regionalen und internationalen Berichterstattung.